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14.04.2020 11:57

Das Wunder von Stralsund-Grünhufe

Syrische Community leistet Hilfe in der Krise und weiterhin

v.r.n.l. Ben Kohlstedt, Reem Ammori, Taher Sayadi, Thomas Nitz, Foto: fg

(Stralsund - Grünhufe) Das Nachbarschaftszentrum Auferstehungskirche (NBZ) war schon integrativ bevor es 2008 Nachbarschaftszentrum, geführt vom Kreisdiakonischen Werk Stralsund (KDW) wurde. In dieser Kirche, vor 2008 Jugendkirche, hatten schon Spätaussiedler aus den Weiten des Ostens "... zum ersten Mal Heimat gespürt" (Tamara Kern). So orientierten sich Flüchtlinge wie von selbst hierher. "Wir haben uns das nicht ausgesucht, wir wurden ausgesucht. Das ehrt uns." sagt Einsatzstellenleiter Thomas Nitz. 2014 bereits wurde mit Essam Hammad (verst. 2015) ein palästinensischer Flüchtlingshelfer gewonnen. Zahlreiche Auszeichnungen errangen das Team aus KDW und Luther-Auferstehungsgemeinde (LAKG) u.a. den 2. "Ökumenischen Eine Welt Preis" der Kirchen im Norden.

Nun legt die Corona-Krise alles lahm: "Wollt ihr schließen?" "Nein!!! Jetzt müssen wir, Kirche und Diakonie, zeigen, dass wir für die Menschen da sind, natürlich unter Beachtung aller Schutzmaßnahmen...", aber wie? Reem Ammori (23), hatte bereits 2016 das NBZ, die diakonische Kirche als erstes Ziel in Stralsund ausgemacht. Sie bietet jetzt spontan Nachbarschaftshilfe an: "Ok, klar doch!" Und dann kam´s: "Wir sind 50!" Damit hatte niemand gerechnet: "Wir wollen dieser Stadt etwas zurückgeben und uns einbringen!" Gab´s das schon?

Was das Corona-Unwetter für Schätze freispült!

Auch Deutsche hatten sich gemeldet und immer noch mehr Syrer. Was das Corona-Unwetter für Schätze freispült! Für die Hansestadt ist das ein historisches Moment. "Egal was in diesem Rahmen entstehen mag, das Wichtigste ist schon passiert, nämlich ein Handschlag in die Zukunft, in die Zeit DANACH. Die Symbolkraft dieser Geste ist Grundstein für ein neues Miteinander, auch ein vielleicht zum Teil verbleibendes respektvolles Nebeneinander. Das Hilfsangebot der syrischen Flüchtlinge gibt der Zeit und den Menschen etwas von dem was wichtiger ist als Impfstoff, nämlich Zuversicht und Vertrauen." sagt Thomas Nitz.

Insbesondere Benjamin Kohlstedt, Streetworker Integration von Partner LAKG, hat sich der Sache angenommen und stellte fest, dass es hier eine neue Situation gibt: "Das Ehrenamt andersrum. Ehrenamtliche Flüchtlinge, die Deutschen helfen möchten." Das KDW hat indes mit den vielen neuen Ehrenamtlichen die Verträge geschlossen. Reem Ammori und Taher Sayadi ist es auch in ihrer Heimat, gerade in Kriegs- und Krisenzeiten, selbstverständlich, Menschen in Not zu helfen: "So da sind wir!" Aber was kann diese so große Gruppe tun? "Für Einkaufshilfen gab es kaum Anfragen und außerdem wollen wir Kontakte vermeiden", sagt Thomas Nitz: "Es werden schrittweise kleinere Gemeinschaftswerke organisiert."

... schrittweise Gemeinschaftswerke organisiert ...

Taher Sayadi: "Es wird immer jemand dabei sein, der gut Deutsch sprechen kann." Die Hansestadt Stralsund und viele andere, wie der Bauernverband, haben mit Rührung und Erstaunen Interesse bekundet. Viele der Syrer stehen in Arbeit und gehen zur Schule und können nach der Krise nicht in vollem Umfang helfen.
"Aber darauf kommt´s nicht an, wir halten Verbindung! Wir wollen noch einmal ganz neu anfangen. Wir haben unglaublich viel gelernt, auch offen, deutlich und kritisch zu sein mit dem Ergebnis: Vertrauen! Es ist eine völlig neue und ganz seltene Situation.", ist sich Thomas Nitz sicher.

Was wünschen sich Reem Ammori und Taher Sayadi für die Zeit danach? Sie wünschen besseren Zugang zu Beruf und Gemeinschaft. Sie möchten in ihrer Zeit in Deutschland lernen, arbeiten und sich zu Hause fühlen - hier bei uns und mit uns in unserer gemeinsamen Heimat und Hansestadt Stralsund.