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08.08.2018 19:30

PFEFFERHASE IN MADRIGAL

-eine Madrigalkomödie der italienischen Renaissance getaucht in zeitgenössische Musik-

So ein Braten braucht seine Zeit. Und weil er der letzte vor der langen Fastenzeit ist, treibt er allen Beteiligten wesentliche Gedanken durchs Hirn und schlagende Rhythmen durch die Glieder. In genreübergreifendem Miteinander von szenografischer Objektkunst, pantomimischer Groteske, dem „ohralspektakel“ (2018, UA) sowie einer Madrigalkomödie der italienischen Renaissance entwickelt sich ein szenisches Spiel über Fragen unserer Existenz, über Mühen und Erfolge, Scheitern, Saufen, Trost und Sterben, Lieben und Gebratenwerden, über Auferstehung und die Poesie des Lebens in ihrer unentwegten, ewig hoffnungsbeladenen Metamorphose voller Überraschungen. Angestiftet von Adriano Banchieris Posse „Festino“, vor dem Hintergrund des venezianischen Karnevals entstanden, komponierte Friedemann Stolte sein nicht weniger deftiges „ohralspektakel“, dass hier zur Uraufführung gelangt. Banchieris Verwendung unsinniger Lautsprache, der Nachahmung von Instrumenten wie von Tieren, sprachlichem Nonsens wie auch der Übertreibung von Dialekten bis zur Unverständlichkeit findet in Stoltes Stücken eine zeitgenössische Entsprechung und Fortführung. Im Humor finden beide Freiheit von Schubladen, im Unsinn Erholung von allzu leichtfertiger Sinngebung. Stoltes Stücke nutzen die Jonglage mit Idiom und Stil und den spielerischen Zugang zu zeitgenössischen Kompositionstechniken. Dazu gesellen sich – motivisch verknüpft oder in anspielungsreichem Kontrapunkt – die Objekte von Anija Seedler, mit denen sie das Geschehen entwickelt und vorantreibt. In an unter auf einer verstaubten Festtafel finden sich nur noch Bruchstücke alter Möbel und Geräte, die in immer neuer Verwendung und antropometrischer Anpassung zu Kostümelementen der Chorsänger oder zu Spielelementen des Pantomimen werden. Beider Wechselspiel macht auch den Chor zum agilen Bestandteil der Szene. Aus der surrealen Umnutzung der verwandelten Möbel entwickelt Janko Lehmann in einem nicht endenden Narrenspiel und akrobatischen Klamauk sein pantomimisches Spiel. Es nimmt die musikalisch und objekttheatralisch angelegten Motive auf, ergänzt, lässt Unsinn zu Sinn und Sinn zu Unsinn und die menschliche Dimension all dessen fühlbar werden. Am Ende löst sich die allen im Eingang versprochene Festtafel überraschend auf: Wie ein Phoenix aus der Asche erhebt sich der so gründlich zubereitete Pfefferhase in Madrigal ... bessinerkammerchor.de friedemannstolte.de anija-seedler.de dasharlekino.de Adriano Banchieri, Komposition Friedemann Stolte, Komposition und musikalische Leitung Bessiner Kammerchor Janko Lehmann, Pantomime Anija Seedler, Ausstattung und Inszenierung