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28.10.2020 12:56

Runde Sache: "Die Eckigen" feiern umjubelte Premiere

Das neuste Stück des Theaters für Behinderte wurde in St. Jakobi aufgeführt.

Von: OSTSEE-ZEITUNG / Reinhard Amler

DIE ECKIGEN - Lysistratas Frieden (Foto: FG, KDW Stralsund)

Stralsund. Bereits zum 26. Mal luden "Die Eckigen" am Sonnabend zu einer Theaterpremiere ein. "Lysistratas Frieden" heißt das aktuelle Stück des Theaters für geistig Behinderte des Kreisdiakonischen Werkes. Es entstand nach den Komödien von Aristophanes und wurde in der Kulturkirche St. Jakobi aufgeführt.

Erzählt wird die Geschichte des Weinbauern Trygaios, der mit einem Mistkäfer hinauf zum Olymp fliegt, um von dort den Frieden auf die Erde zu holen. Denn der ist in Gefahr, weil die Menschen sich nicht einig werden. Wieder und wieder gieren sie nach dem, was der Nachbar hat und sie nicht. Die Götter sind genervt von diesem Streit und bieten den Menschen auf der Erde deshalb die Segnungen der Digitalisierung an, damit endlich Ruhe und Frieden einkehren. Lysistrata leitet gar eine feministische
Initiative ein, die Männern Sex verwehrt, solange Krieg ist. Mit allen Mitteln wird also versucht, die Menschen zu bekehren. Bloß nehmen sie dies auch an?

Antike Komödie, so heißt es in der Ankündigung, trifft in "Lysistratas Frieden" auf Science-Fiction, digitaler Ersatz auf leibhaftiges Theaterspiel, Pathos auf Trash, die ganz großen Fragen auf unsere ganz kleinen Antworten.

Stralsunder demonstrieren hier auf eindrucksvolle Art, was möglich ist, wenn an einem Strang gezogen wird. Und das benachteiligte Menschen dabei in der ersten Reihe stehen, macht die Sache wunderbar. Im gesamten Stück geht es schließlich um den Menschen als Individuum, sein Ego und seine Verletzbarkeit. Und wie so oft in dieser Zeit wird seine zunehmende Vereinsamung thematisiert. Und die ist nicht nur durch Corona bedingt. Denn die fortschreitende Digitalisierung ersetzt mehr und mehr das leibhaftige Sein. Wo bleiben wir, wenn wir uns nicht mehr begegnen, ist eine zentrale Frage, die im Stück aufgeworfen wird.

"Ich habe 'Lysistratas Frieden' während des Lockdowns im Frühjahr geschrieben", sagt Gerd Franz Triebenecker, der künstlerische Leiter. Die Produktion folge daher den Geboten des Abstandes und der Hygiene, fügt er hinzu. Und das gilt sowohl für die Akteure auf der Bühne als auch für die Zuschauer. Nur 60 statt der sonst möglichen 150 bis gar 200 Stühle sind zugelassen. Sie stehen auf Abstand. Am Eingang müssen alle Besucherinnen und Besucher ihre Adressen zwecks Nachverfolgung hinterlassen.

Es ist aber nicht nur Triebeneckers Geschichte, die hier auf der Bühne von den "Eckigen" erzählt wird, sondern es ist ein Werk, das von vielen anderen Künstlern mitgestaltet worden ist. Unter der Leitung von Stephan Hahn von perform(d)ance tanzen zum Beispiel die ungarischen Profis Viktoria Kohalmi und Gyögy Jelinek. Der Mediengestalter der Jugendkunstschule Christian Klette zeigt Trickfilme, die Malerin Juliane Ebner ihre Bilder menschlicher Verletztheit, Orgelspieler Matthias Pech lässt sein Instrument auf mahnende Weise erklingen.

Warum heißen nun aber "Die Eckigen" die Eckigen? "Weil sie nicht ganz rund laufen", sagt Gerd Franz Triebenecker. Die Bezeichnung sei vor vielen Jahren im Mitarbeiterkreis entstanden", fügt er hinzu. "Es gab dafür keine Konzeption."

25 Akteure betreut der künstlerische Leiter aktuell in seiner Crew. Acht davon haben es in "Lysistratas Frieden" auf die Bühne geschafft, weitere sind in den Videofilmen zu sehen. Ziemlich lange extpassagen müssen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler für die Aufführung merken. Sicherheit gibt ihnen dabei eine Souffleuse, die sofort zur Stelle ist, falls doch mal jemand stecken bleibt. Die gesamte Inszenierung, auch was Bühnengestaltung, Licht und Musikeinspielungen anlangt, ist hochprofessionell. Dazu kommt die einzigartige Kulisse im über 700 Jahre alten Kirchenschiff. Alles zusammen macht den Auftritt der "Eckigen" zum Erlebnis.

Noch drei weitere Vorstellungen von "Lysistratas Frieden" sind in der Kulturkirche St. Jakobi geplant. Sie finden am 4., 5. und 7. November, jeweils um 19 Uhr statt. Karten gibt es in der Tourismuszentrale am Alten Markt oder im Internet bei Reservix (https://kdw-hst.reservix.de/events)