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22.04.2020 13:11

Ehrenamt umgekehrt: In Grünhufe wollen Syrer Deutschen helfen

Ein „Quantensprung der Integration“: Eine Initiative mit mehr als 60 Geflüchteten freut sich, wenn sie in der aktuellen Krise Stralsunder unterstützen kann. Ein Anruf genügt.

Ostsee Zeitung Stralsund Lokal 15-04-2020 S. 12

Stralsund. Von nichts weniger als einem "Quantensprung der Integration" spricht Thomas Nitz vom Kreisdiakonischen Werk. "Die Hand, die uns entgegengestreckt wird, dürfen wir nicht loslassen." Was den Leiter des Nachbarschaftszentrums (NBZ) Auferstehungskirche in Grünhufe zu diesen Worten verleitet, ist ein Hilfsangebot, mit dessen Ausmaßen er nicht gerechnet hätte.

Genau genommen geht es um eine Liste mit mittlerweile mehr als 60 Namen. Fast alles Syrerinnen und Syrer, die sich bereiterklärt haben, freiwillig in der Corona-Krise Unterstützung dort zu leisten, wo sie notwendig ist. "Sie hatten die Idee dazu und sind auf uns zugekommen", berichtet Nitz, der mit allen Ehrenamtsverträge geschlossen hat.

Sprache sollte keine Barriere sein

Die Liste werde immer länger. Jeder bringe unterschiedliche Fertigkeiten mit. Je nachdem was benötigt werde, könnten Leute vermittelt werden. Sollte es sprachliche Probleme geben, würde jemand beim Übersetzen helfen - natürlich mit dem gebotenen Abstand. Auch mit dem Lazarusdienst, einem konfessionell ungebundenen Hilfs- und Betreuungsangebot der katholischen Kirche, stehe man in Kontakt.

Wie die Unterstützung konkret aussehen könnte? Vielfältig. Sei es klassische Nachbarschaftshilfe, etwa das Einkaufen für ältere Stralsunder, seien es Arbeiten in der Landwirtschaft oder auch etwas ganz anderes. "Wir sind gerade dabei, die Angebote zu entwickeln und zu koordinieren", sagt Benjamin Kohlstedt, Stadtteilarbeiter in Grünhufe.

Infos auf mehr als 2000 Flyern

Beruflich liegt sein Hauptaugenmerk auf der Integration und der Arbeit mit männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Eine Initiative wie die jetzige sei da "ein Glücksfall". Er sagt: "Das ist Ehrenamt umgekehrt - Flüchtlinge, die Deutschen helfen wollen."

Das Angebot steht also. Doch wie sollten die Leute informiert werden, die es nutzen könnten? Da half ein Kontakt ins Rathaus. Denn um den Bürgern einen Überblick zu geben, an wen in Stralsund sie sich in dieser Zeit mit Problemen und Anliegen wenden können, hat die Stadt mehrere tausend Flyer drucken und verteilen lassen. Darauf sind Hilfsangebote aufgelistet - von A wie Arbeitersamariterbund (03831 / 66 60 752) bis V wie Verbund für soziale Projekte (03831 / 29 380).

Botschafter der Idee

Auf der Rückseite des Zettels ist für die Einwohner von Grünhufe das neue Unterstützungsangebot aufgeführt. "Über das Nachbarschaftszentrum Auferstehungskirche möchten wir ein Netzwerk aus Hilfsbedürftigen und Helfern aufbauen, um auch ohne persönlichen Kontakt gemeinsam durch diese herausfordernde Zeit zu gehen", heißt es da. "Ein paar Jungs haben hier über 2000 der Flyer in die Briefkästen verteilt", erzählt Thomas Nitz. "Die Blöcke sind versorgt."

Reem Ammori und Taher Sayadi sind so etwas wie die Botschafter dieser Idee. Beide sind vor rund fünf Jahren aus Syrien geflohen und in Grünhufe gelandet. "Asyl, eine Wohnung, Sprache, sogar Möbel - das haben wir hier bekommen, nachdem wir unsere Heimat wegen des Krieges verlassen mussten", sagt Agraringenieur Sayadi (35). "Deutschland hat so viel für uns getan. Jetzt wollen wir etwas zurückgeben", fügt die 23-jährige Ammori an, die mit einem Studium in Greifswald liebäugelt.

OZ-Leser stimmen ab

Die OSTSEE-ZEITUNG hat derzeit einen Wettbewerb ausgelobt für "Helden der Corona-Krise". Tausend Euro gibt es zu gewinnen. Auch Reem Ammori ist stellvertretend für die Initiative nominiert. In der Zeitung wurde sie neben anderen Kandidaten kurz vorgestellt. Am Ende haben die Leser der OZ das Wort und stimmen ab.

Quelle: OSTSEE-ZEITUNG / Kai Lachmann

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