DIE ECKIGEN –Ein Ensemble behinderter Menschen

In der Kulturkirche St. Jakobi finden viele Projekte ein zu Hause. Auch vor allem Theaterprojekte haben hier schon eine lange Tradition.

Das Theaterensemble der ganz besonderen Art sind DIE ECKIGEN – seit über 25 Jahren erfolgreich.

Das Ensemble DIE ECKIGEN gibt es seit 1994. Was mit einem kleinen darstellenden Spiel innerhalb der Freizeitarbeit mit behinderten Menschen des Kreisdiakonischen Werkes Stralsund begann, ist heute ein in der Region äußerst erfolgreiches, fest bestehendes Ensemble, welches durch Gastspiele in Dresden, Berlin und anderen Orten in der Szene in ganz Deutschland einen guten Namen hat. DIE ECKIGEN haben in vielen Produktionen vom Märchen (Sterntaler, Schmied Günther, Bremer Stadtmusikanten) über das große Drama (Romeo und Julia, Philoktet, Don Quichote), dem Musical (Struwwelpeter, Alice im Wunderland, einem Schlagerabend), der großen Komödie (Der eingebildete Kranke) bis hin zu ganz eigenen Produktionen (Am Meer, Maria Flint, Jakobus!) ihre ganz eigene Poesie entwickelt.

Selbst das moderne Drama (Heiner Müllers „Bildbeschreibung“) haben sie für sich entdeckt. Dabei haben sie immer wieder die Auseinandersetzung mit anderen auch professionellen Kunstformen gesucht. Sie sind von Musikern und Komponisten, Schauspielern und Puppenspielern begleitet worden.

Und immer haben sie die Grenzen zwischen behindert und nicht behindert, Profi und Amateur sowie modern und traditionell überwunden oder nicht mehr bemerkbar gemacht. Sie haben auf der großen Bühne des Theaters Vorpommern, auf der Studiobühne des Gustav-Adolf-Saals, in Kirchen und Werkstätten und anderen Bühnen gespielt. Immer haben sie mit ihrer Poesie, ihrer Selbstironie und ihrem Spaß am Spiel und am Lachen ihr Publikum begeistert. Viele Mitglieder des Ensembles leben in betreuten Wohnformen und arbeiten in der Werkstatt für behinderte Menschen. Die Theaterarbeit ist eng verknüpft mit der Arbeit des integrativen Freizeittreffs BLEICHENECK. Die Schauspielerinnen und Schauspieler verschiedenen Alters zeigen auf der Bühne ihre Fähigkeiten, ihre Ausdruckspotentiale und ihr Improvisationsvermögen. Sie sind die Akteure und nehmen diese Erfahrung in ihren Alltag mit. Während der Auftritte teilen sie all dies ihren Zuschauern auf sinnlich spannende Weise mit.

Chronik des Geistig-Behindertentheaters „DIE ECKIGEN“

  • 1994 Arche Noah (Singspiel)
  • 1996 Die Bremer Stadtmusikanten (Märchenspiel)
  • 1997 Romeo und Julia (nach Motiven von William Shakespeare)
  • 1999 Don Quijote (nach Motiven von Cervantes)
  • 2000 Alkestis/ Schmied Günter (nach Motiven eines Pommerschen Märchens und Euripides)
  • 2001 Von Einem, der auszog, das Fürchten zu lernen (u.a. nach den Gebrüdern Grimm)
  • 2002 Philoktet (nach Motiven von Sophokles)
  • 2003 Jakobus (Mysterienspiel in 7 Bildern von Thomas J. Hauk)
  • 2004 Der eingebildete Kranke (nach Motiven von Molière)
  • 2005 Freyas Tränen (nach Thomas J. Hauk)
  • 2006 Struwwelpeter (Revue von Heinrich Hoffmann)
  • 2007 Vom Meer (nach Franz Triebenecker, Musik von Luca Carbonaro)
  • 2008 Bildbeschreibung (nach Heiner Müller)
  • 2009 Maria Flint (nach Geschichten aus Stralsund, Musik von Wieland Möller)
  • 2010 Der verlorene Sohn (nach einer Geschichte der Bibel)
  • 2011 Alice im Wunderland (nach Motiven von Lewis Carroll)
  • 2012 Sternthaler (nach den Gebrüdern Grimm)
  • Wer schneller liebt, liebt länger (Schlagerabend mit der Band „Seeside“)
  • 2013 Orpheus – Schau mich an (nach Motiven von Vergil und Ovid)
  • 2014 Ein Sturm nach Shakespeare (nach Motiven von William Shakespeare)
  • 2016 ÖDIPUS – Schwellfuss
  • 2017 Die Nibelungen – Heimat und Fremde
  • 2018 Der arme Heinrich
  • 2019 Ein Sommernachtstraum
  • 2020 Lysistratas Frieden

Kontakt

Kreisdiakonisches Werk Stralsund e.V.
Kulturkirche St. Jakobi
Einsatzstellenleitung: Dr. Franz Triebenecker
Jacobiturmstraße 28a
18439 Stralsund
Tel.: 0 38 31 – 30 96 96
Fax: 0 38 31 – 30 96 97
Email: jakobi.triebenecker@kdw-hst.de

DIE ECKIGEN – Lysistratas Frieden

Plakat DIE ECKIGEN Lysistratas FriedenDer Olymp ist die Heimstatt der griechischen Götter. Endliche Menschen mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten haben hier nichts zu suchen. Doch was in den Augen der Götter kleinlich ist, bleibt für Menschen lebensnotwendig. Der Krieg der Menschen unterhält die Götter oder vielleicht nervt er sie auch. Deswegen fliegt der Weinbauer Trygaios mit einem Mistkäfer hinauf auf den Olymp, um den Frieden auf die Erde zu holen. So ungefähr erzählt die Komödie des Aristophanes die Geschichte, deren sich in diesem Jahr DIE ECKIGEN des Kreisdiakonischen Werkes Stralsund angenommen haben.

Und natürlich erzählen Sie sie anders. Zuallererst trifft Trygaios auf dem Olymp Lysistrata (eine andere Figur des Aristophanes), die auch den Frieden auf Erden will. Sie leitet eine feministische Initiative, welche den Männern Sex verwehrt, solange Krieg ist. Wer kennt einen besseren Grund für Frieden als gelingende Liebe?

Doch auch die Götter sind bei den ECKIGEN anders. Sie sind genervt von den ewigen Streitereien der Menschen und bieten ihnen die Segnungen der Digitalisierung, damit endlich Ruhe und Frieden auf Erden herrschen. Natürlich sehen das unsere menschlichen Helden irgendwie anders und was ist ein Mistkäfer (Bug) Anderes, als ein Fehler im System.

In dieser Produktion der ECKIGEN unter der Leitung von Gerd Franz Triebenecker trifft antike Komödie auf Science-Fiction, digitaler Ersatz auf leibhaftiges Theaterspiel, Pathos auf Trash, die ganz großen Fragen auf unsere ganz kleinen Antworten. Vor allem aber treffen verschiedene Weisen des künstlerischen Ringens aufeinander. Existentieller Tanz ist ein Gegenentwurf zu den Fantasien der Digitalisierung, der Einspruch der einzigartigen menschlichen Leiblichkeit gegen ihre technische Ersetzbarkeit. Gleichzeitig werden mit Videoeinspielungen so manche Ideen des technischen Fortschritts und der menschlichen Solidarität ins Komische getrieben. Denn eine Komödie soll es auch noch sein. Es ist eine gemeinsame Produktion unterschiedlichster ästhetischer Sprachen, die um das Produzieren des Menschen an sich ringen.

Vieles ist anders in diesem Jahr. Diese Produktion ist unter den Geboten des Abstands und der Hygiene entstanden. Ist Digitalisierung in dieser Situation Verlust oder Gewinn? Für diese Fragen und das Ringen um leibhaftiges Theater haben die ECKIGEN sich künstlerische Partner gesucht, mit denen zusammen ein ganz eigenwilliger Theaterabend entstanden ist. Unter der Leitung von Stephan Hahn tanzen die ungarischen Profitänzer*innen Viktoria Kohalmi und György Jelinek, produziert der Mediengestalter Christian Klettes Trickfilme, zeigt die Malerin Juliane Ebner Bilder menschlicher Verletztheit und lässt Matthias Pech die Jakobi Orgel erklingen.

Eine Geschichte von den letzten großen Fragen, denen wir uns stellen müssen, wenn wir darüber nachdenken, was macht den fehlerhaften Menschen in der Zukunft aus? Und wo bleibt der prometheische Funke, der Selbstverantwortung des Menschen und seiner Technik?