Eine Stellungnahme zur NDR-Berichterstattung über das Quartier 17 in Stralsund

Zum NDR-Bericht über die Situation im Quartier 17 möchte die Aufsuchende Jugendsozialarbeit des Kreisdiakonischen Werks Stralsund e.V. einige Aspekte ergänzen und für eine differenziertere Betrachtung werben.

Einseitige Darstellung

Der Bericht stellt junge Menschen im Quartier 17 überwiegend als Problem dar, das bewältigt werden muss. Diese Perspektive bildet die Realität nicht vollständig ab. Jugendliche sind keine homogene Gruppe – der weitaus größte Teil verhält sich altersgerecht und sozial angemessen. Nur ein kleiner Teil verstößt gegen Regeln oder begeht Ordnungswidrigkeiten. Eine solche pauschale Darstellung würde bei anderen Altersgruppen oder Bevölkerungsgruppen nicht erfolgen. Sie verzerrt die öffentliche Wahrnehmung und trägt zu einem subjektiven Unsicherheitsempfinden bei, das durch die tatsächliche Situation nicht gerechtfertigt ist.
Hinzu kommt, dass der Bericht Jugendliche und teils alkoholisierte Erwachsene nicht klar voneinander trennt. Laut den im Bericht genannten Polizeiangaben betrifft nur etwa ein Drittel der Einsätze Jugendliche – 60 Prozent der Einsätze sind Gefahrenabwehr wie Lärm, hilflose Personen oder Platzverweise. Die Vermischung dieser unterschiedlichen Gruppen verstärkt die einseitige Problemzuschreibung an junge Menschen.

Hier den Beitrag vom NDR ansehen.

Streetworker aus Stralsund

Die Perspektive der Jugendlichen fehlt

Die Sichtweise der jungen Menschen selbst kommt im Bericht nicht vor. Sie wird lediglich stellvertretend durch die Aufsuchende Jugendsozialarbeit wiedergegeben. Für eine ausgewogene Darstellung verschiedener Positionen wäre es notwendig gewesen, junge Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen. Ihre geäußerten Bedürfnisse sind dabei konkret und nachvollziehbar:
  • Ein warmer Raum im Winter, in dem man sich aufhalten kann, ohne dass die Polizei gerufen wird.
  • Kostenlose, zugängliche Toiletten in der Innenstadt.
  • Ein eigener Treffpunkt, an dem man sich in vertrauten Gruppen aufhalten kann.
Diese Wünsche verdeutlichen, dass es den Jugendlichen nicht um Konfrontation geht, sondern um einen selbstverständlichen Platz in ihrer Stadt.

Jugendpolitik statt Ordnungspolitik

Dass Jugendliche sich in der Innenstadt auffallend treffen, ist zuallererst keine ordnungspolitische Frage, sondern eine Frage jugendpolitischer Notwendigkeit. So hat es jüngst sinngemäß Dörte Lass in der Regionalen Liga der Verbände formuliert. Was es konkret braucht, ist eine Mischung aus Aufsuchender Jugendsozialarbeit und einem Treffpunkt für Jugendliche. Junge Menschen haben das Recht, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten und zu treffen – auch wenn es viele sind und es entsprechend lebhaft wird. Gleichzeitig braucht es pädagogisch begleitete Räume, die Alternativen in der Freizeitgestaltung ermöglichen.

Fazit

Mehr Akzeptanz gegenüber jungen Menschen in der Bevölkerung ist notwendig. Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten akzeptiert werden müssen – diese werden nur von sehr wenigen begangen. Es geht um einen differenzierten Blick, der der Vielfalt junger Menschen gerecht wird und nicht pauschal eine gesamte Altersgruppe unter Problemverdacht stellt.
Die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Aufsuchender Jugendsozialarbeit, Polizei und Stadtverwaltung wird fortgesetzt. Der entstehende Skaterpark auf der Schützenbastion ist ein positives Beispiel für alternative Aufenthaltsmöglichkeiten – solche Angebote sind jedoch als Ergänzung zu verstehen und nicht als Verdrängung aus dem öffentlichen Raum.